
Über den Spott der Zechbrüder wurde der Türmer so wütend, dass er zornig aufsprang. "Ich werde euch die Toten schon wecken", schrie er zornig, sprang bei der Tür hinaus und rannte auf seinen Turm zu. Es war gerade die Zeit, den Mitternachtsruf erklingen zu lassen. Er griff also rasch nach dem Horn und blies mit gewaltigen Stößen zuerst nach Westen, Norden und Osten und dann auch - nach Süden.
Zu Tode erschrocken, stürzte des Türmers Ehefrau herbei und wollte das Horn den Händen des rasenden Bläsers entwinden. Doch vergeblich! Er blies nur noch stärker gegen Süden hin, dass es wie Posaunenton über die Dächer und Felder klang bis an die Pforten des Friedhofs.
Da begann ein unheimliches Leben und Treiben auf der Stätte des Friedens. Die Gräber öffneten sich, grausige Gestalten schwangen sich aus der Tiefe empor. Lautlos bewegte sich der gespenstische Zug im fahlen Lichte des Mondes zum Turm zu, woher der Weckruf erklang. Da sah der Türmer den nächtlichen Spuk heranziehen: grinsende Totengesichter, knöcherne Hände, bleiches Totengebein; eine Heerschar schauriger Gestalten schritt stumm die steilen Stufen des Turmes empor. Schreckensbleich sank der vermessene Türmer in die Knie und streckte abwehrend die Hände aus. Aber es war zu spät, schon langte der vorderste mit seinen Knochenfingern durch die Stäbe des Turmgitters nach dem bebenden Mann - da erdröhnte vom Turm der Glockenschlag eins, und im Nu war der nächtliche Spuk in alle Winde zerstoben.
Seit dieser Zeit wagte es kein Türmer in Klagenfurt mehr, sein Horn gegen Süden zu blasen und die Toten damit aus dem ewigen Schlaf zu wecken.
Quelle: Die schönsten Sagen aus Österreich, o. A., o. J., Seite 141