5 Fragen an... Barbara Frank

Sendungsgestalterin, Redakteurin und Programm-Managerin des ORF

barbara_frank

FC: Martin Drussnitzer (ORF)

1. Sie sind seit über 20 Jahren in der Redaktion des ORF Kärnten tätig und haben Erfahrung in verschiedenen Redaktionsbereichen sammeln können. Ein besonderer Schwerpunkt Ihrer Arbeit liegt dabei im Kulturbereich. Seit Anfang 2026 sind Sie eine der Hauptmoderatorinnen von „Kärnten heute“ und bringen Neuigkeiten aus unserem Bundesland täglich in die Wohnzimmer der Kärntnerinnen und Kärntner. Welche Stationen oder Erlebnisse Ihrer bisherigen Karriere waren für Sie besonders prägend und was macht für Sie persönlich den Reiz an der journalistischen Arbeit aus?
Dafür muss ich nicht lange überlegen. Ich bin zwar schon lange im ORF, aber als mich mein Chefredakteur im November 2025 gefragt hat, ob ich „Kärnten heute“ moderieren möchte, hat mich das sehr überrascht. Mir ist, glaube ich, kurz der Mund offen stehen geblieben. Immerhin bin ich 46 Jahre alt – damit hätte ich in diesem Leben einfach nicht mehr gerechnet. Meine erste Reaktion lautete deshalb auch: Bernhard, kann ich auch Nein sagen?! Nach einer kurzen Schrecksekunde hatte ich mich aber gefangen und habe zugesagt, es zumindest versuchen zu wollen. Sie dürfen nicht vergessen – meine Vorgängerin Ute Pichler ist – und bleibt – eine der besten Moderatorinnen Österreichs! Das waren, natürlich rein sprichwörtlich gesprochen, riesige Fußstapfen für mich. Mittlerweile macht mir diese Aufgabe aber richtig Spaß, auch wenn der Respekt davor, die wichtigste Nachrichtensendung des Landes zu moderieren, nach wie vor groß ist. Darin liegt für mich aber auch generell der Reiz journalistischen Arbeitens: Kein Tag gleicht dem anderen und es gibt für uns immer neue Herausforderungen, die bewältigt sein wollen.

Ein zweites, besonders bedeutsames Ereignis liegt auch noch nicht besonders lange zurück, es hat sich erst diesen Sommer ereignet und hat, wie es der Zufall will, wieder mit großen Fußstapfen zu tun (aber von wirklich großen Füßen, denen meines Kollegen Horst Ebners, er misst wohl bald zwei Meter): Ich darf als seine Nachfolgerin ab 2027 auch den Ingeborg-Bachmann-Preis für das Landesstudio Kärnten organisieren. Damit schließt sich für mich ein Kreis und es ist, neben „Kärnten heute“, wahrscheinlich die größte Ehre meines Lebens. 2004 hatte ich mich nach meinem Germanistikstudium beim Bachmannpreis beworben und durfte dort meine ersten journalistischen Sporen verdienen. Seither ist jedes Jahr anders aufregend verlaufen. Immer aber hatte ich das Gefühl, dass, den Literaturbetrieb bei uns im Funkhaus zu haben, die Luft verändert. Literatur betrifft und bespricht die großen Dinge des Lebens, es geht um nicht weniger als um unser Menschsein – darüber wird unter großem internationalem Interesse live im Fernsehen diskutiert. Es ist eine Mammutaufgabe, ich bin sehr dankbar dafür, das alles miterleben und mitgestalten zu dürfen. 

2. In einer Zeit, in der Fake News und gezielte Desinformation zunehmend in den öffentlichen Diskurs eingreifen, gerät auch das Vertrauen in die Medien unter Druck. Als ORF Redakteurin prägen Sie maßgeblich, wie alltägliche Themen erzählt, eingeordnet und sichtbar gemacht werden. Wie nähern Sie sich dieser Verantwortung und nach welchen Kriterien entscheiden Sie, welche Themen, Stimmen oder Perspektiven in Ihren Beiträgen Platz finden, insbesondere vor dem Hintergrund eines immer stärker polarisierten Informationsumfelds? 
Also wie Ihre Frage schon impliziert – mit Verantwortung. Mir ist zu jeder Zeit bewusst, dass ich für jedes Wort, jedes Bild, ja jedes Geräusch in meinen Beiträgen verantwortlich bin. Übrigens eines der großen, unterschätzten Themen unserer Zeit, Verantwortung – aber das nur am Rande. Und das betrifft ja auch nur die eine, rechtliche Seite des ORF-Redaktionsstatuts, das da grundsätzlich lautet: Unabhängigkeit ist nicht nur (mein) Recht, es ist (meine) Pflicht. Außerdem geht es um Einhaltung der Menschenwürde und Grundrechte und darum, die Meinungsvielfalt in unserer Gesellschaft zu wahren. Aber jede und jeder kann sich diese für uns geltenden Grundsätze bei Interesse im Internet durchlesen.

Grundlegend hat es für mich mit einer Geisteshaltung zu tun. Ich glaube, wenn Sie so wollen im Sinne eines beruflichen Ethos, daran, dass Menschen und deren Geschichten zuzuhören, deren widerstreitende Argumente unverfälscht wiederzugeben und einem intelligenten und offenem Publikum darzulegen, damit sich jede/r eine eigene Meinung über richtig und/oder falsch bilden kann, eine der Grundfesten unserer Demokratie darstellt. Und das sind für mich nicht nur schöne, leere Worte, ich denke hier für alle sprechen zu dürfen, wenn ich sage: Wir glauben an unsere verfassungsgemäße Aufgabe, die wir in Freiheit und Selbstverantwortung für den ORF Kärnten ausüben dürfen. Dabei ist es aber, und das ist grundlegend, eben nicht an mir oder uns, über Recht und Unrecht zu entscheiden. Eben das ist der große Unterschied gegenüber Fake News oder Whataboutism auf Social Media oder den gesellschaftspolitischen Kampagnen des Boulevards. Meine, unsere Aufgabe als ORF-RedakteurInnen ist es – und das möglichst durchlässig nach allen Seiten und niemanden ausschließend – Übermittler vieler Botschaften, ja vieler verschiedener Wahrheiten zu sein. Denn die gibt es! Entscheiden soll unser mündiges Publikum. Gerade im Schwarz-Weiß-Denken liegt – neben der mangelnden Übernahme von Verantwortung – meines Erachtens eines der Grundprobleme unserer Zeit und eine echte Gefahr für unsere Demokratie.

3. Sie bewegen sich täglich im Spagat zwischen der flüchtigen Dynamik einer tagesaktuellen Nachrichtensendung wie „Kärnten heute“ und der Beständigkeit tiefgehender Kulturthemen. Wie gelingt es Ihnen, der Komplexität von Kunst und Kultur den nötigen Raum zu geben, ohne sie für ein breites Publikum zu stark zu vereinfachen? Und wie würden Sie Ihre Herangehensweise an den Journalismus insgesamt beschreiben – welche Rolle spielen dabei Neugier, Rechercheinstinkt und der Blick für das vermeintlich Nebensächliche, wie er sich auch in Ihrem Fund des verschollenen Bachmann Drehbuchs gezeigt hat? 
Wie es mir gelingt? Einmal mehr, einmal weniger gut würde ich sagen. Manchmal auch nur so mittel, um TDDL-Juror Philipp Tingler und einen seiner markigen Sprüche zu zitieren. Diese Frage ist aus der Praxis betrachtet kaum zu beantworten. Denn ja, gewisse Dinge lassen sich planen – wie gut bereite ich mich auf Beiträge und Interviews vor, welche Ideen lassen sich im Rahmen eines Drehtages verwirklichen, wie gut kommuniziere ich diese Ideen dem Kameramann und dem Ton, bzw. wieviel Zeit habe ich am Ende eines Drehtages, mich auf meinen Schnitt mit dem Cutter vorzubereiten oder einen halbwegs klugen Text zu schreiben? Für das Radio Kärnten Mittagsjournal im Aktuellen Dienst musste ich nach Pressekonferenzen auch schon das eine oder andere Mal mit 20 Minuten all inklusive auskommen, bevor der Radiobeitrag dann um 12.30 Uhr auf Sendung ging. Zu knapp angesetzte Pressekonferenzen bringen also jede/n RedakteurIn an seine/ihre Grenzen – geistig, aber auch physisch. Was die Kulturberichterstattung betrifft: Mit einer Idee für den Drehtag oder die Beitragsgestaltung in die Arbeit hineinzugehen, hat sich für mich noch nie als falsch erwiesen – Flexibilität vorausgesetzt! Es hat nämlich keinen Sinn, meine Ideen und Vorstellungen einem Gegenüber überstülpen zu wollen. Ich bespreche mich, wenn möglich, vorher mit meinem Interviewpartner, also der Künstlerin, dem Künstler: Fühlt er oder sie sich  verstanden, verstehe ich das richtig? Am Ende wird das, was wir tun, aber immer Makulatur bleiben. Wie schreibt Ingeborg Bachmann in den Frankfurter Vorlesungen? Alles was über Werke gesagt wird, ist schwächer als die Werke. Das gilt auch für mediale Beiträge und man darf es sich als RedakteurIn nicht allzu zu Herzen nehmen – auch wenn der Wunsch nach Perfektion immer da ist. Und was die Herangehensweise an den Journalismus betrifft, ist es ganz wie beim Bachmann-Drehbuch, das ich in einem Berliner Archiv aufgestöbert habe. Es gibt Themen, die lassen einen nicht los. Und meine Kolleginnen aus der Onlineredaktion nennen mich nicht umsonst manchmal liebevoll Bullterrier. 

4. Der Journalismus hat sich in den vergangenen Jahren stark verändert – durch Digitalisierung, neue Erzählformate und ein Publikum, das Informationen zunehmend über soziale Medien und mobile Plattformen konsumiert. Wie erleben Sie diesen Wandel in Ihrer täglichen Arbeit und welche Chancen oder Herausforderungen ergeben sich daraus für den Journalismus?
Als Bereicherung! Wenn ich an meine Anfänge in der Onlineredaktion zurückdenke, wie schwierig und zeitaufwändig war es da, ein Gridbild (also ein Online-Titelbild für kaernten.ORF.at) anzufertigen! Man musste ein halber Programmierer sein, um etwas online zu publizieren (nein, Scherz, nur wenn es nach meinen rudimentären technischen Kenntnissen geht!). Jedenfalls dauerte alles viel länger. Dasselbe betrifft die Audio-Transkription. Als ich meine erste eigene Doku gemacht habe (Tabula Rasa anlässlich 40 Jahre Ingeborg-Bachmann-Preis, im Jahr 2015) musste ich alle Interviews für die Vorbereitung noch stundenlang mühsam selbst von Hand abtippen. Heute erledigt das in wenigen Minuten der ORF-AiDitor für mich. Ich spreche hier wohlgemerkt nur vom Transkript, durchlesen um mich auszukennen und gestalten muss und darf ich schon noch alles selbst. Wie ich auch nicht glaube, dass KI die menschliche Instanz und Kreativität ersetzen kann – auch nicht, was den Journalismus betrifft. Aber Sie merken vielleicht trotzdem, worauf ich hinauswill: Die Technik spart Zeit. Zeit, die mir bleibt, um zu texten oder die eine oder andere wichtige Zwischenfrage zu stellen. Generell hat gerade der ORF Kärnten die Zeichen der Zeit rechtzeitig erkannt und seine Präsenz auf Social Media bereits sehr früh ausgebaut. Ich denke angesichts des medialen Wandels aber auch, dass auf diesem medialen Feld gar nicht genug passieren kann und noch mehr passieren muss. Wenn ich allein an den Bachmannpreis und unser Social-Media-Team rund um Constanze Grießler denke, dann ist es mein erklärtes Ziel, die erreichten Followerzahlen auf Instagram (immerhin 10.000) noch deutlich auszubauen, indem wir auch unter dem Jahr mehr Content aus Klagenfurt für das Literaturpublikum liefern.

5. Abseits Ihrer journalistischen Arbeit – was gibt Ihnen privat Ausgleich, Inspiration oder neue Energie?
Diese Antwort fällt – anders als die übrigen, ich bitte um Verzeihung dafür, kurz und recht unspektakulär aus – auch weil die Arbeit als Journalistin in Wahrheit nie zu Ende ist. Irgendetwas in uns sucht doch immer, oder hält die Augen offen, nicht? Ansonsten mein Hund Rio, ein Galgo Espagnol aus einer ganz schlimmen Haltung in Spanien stammend und mein Kater Monsieur, eine fabelhafte Promenadenmischung von einem Bergbauernhof aus Bad Eisenkappel. Beides sehr charakterstarke Persönlichkeiten mit eigenen Vorstellungen darüber, wie mein Tag am besten auszusehen hat, wann die Nacht (Bettruhe!) zu Ende zu gehen hat und das (von mir zu servierende) Frühstück beginnen kann. Dann: tägliche Spaziergänge am Kreuzbergl oder durch den Klagenfurter Stadtteil St. Ruprecht, wo ich seit rund einem Jahr wohne. Gespräche mit Menschen, Freunden – als Begegnung, Austausch. Persönliche, vor allem auch gedankliche und kreative Inspiration gibt mir aber auch die Kunst – Literatur, Malerei, Theater, Musik – jenseits unseres Bundeslandes. Das MuseumsQuartier in Wien ist einer meiner liebsten Orte außerhalb Kärntens, dort kann ich nicht vorbeigehen.