5 Fragen an... Brandy Brandstätter

Grafikdesigner und Künstler

brandy_brandstätter

FC: Ernst Peter Prokop

1.) Seit den frühen 1970er Jahren prägen Sie mit Ihrem grafischen und in späterer Folge künstlerischem Schaffen die Kärntner Szene und wurden unter anderem mit dem Ehrenzeichen des Landes ausgezeichnet. Wie blicken Sie heute auf Ihre berufliche Laufbahn zurück und welche Erlebnisse waren für Ihre Arbeit besonders prägend?
Nun, der Sinn für Ästhetik und ein besonderes Auge wurden mir sprichwörtlich in die Wiege gelegt. Meine Tante erkannte mein Talent schon früh und mit meinem ersten Schultag an der Volksschule St. Andrä war meine Leidenschaft endgültig entfacht. An diesem Morgen stand ich auf, blickte aus dem Fenster und sah eine riesige Werbetafel – eine 16 Bogen Tafel, die damals eine kleine Sensation war. Natürlich musste ich mir das genauer ansehen. Also schnappte ich meinen Schulzecker, stellte mich davor und sah… Punkte. Nur Punkte. Viele Punkte. Doch je weiter ich zurückging, desto klarer wurde das Bild. Diese Entdeckung hat mich völlig fasziniert. Als ich schließlich in der Schule ankam, war ich eineinhalb Stunden zu spät. Meine damalige Lehrerin war weniger beeindruckt von meiner künstlerischen Erleuchtung und schickte mich direkt vier Stunden nachsitzen. Aber was soll ich sagen: Für die Kunst muss man manchmal Opfer bringen.

Bevor ich mich als Grafiker selbstständig machte, arbeitete ich bei einem Schriftenmaler. Dort lernte ich, im wahrsten Sinne des Wortes, groß zu denken: Pkw, Busse, Hausfassaden – alles wurde von Hand individuell gestaltet. Die Möglichkeit zur Folierung kam erst später, doch bis dahin hatte ich bereits umfassende Erfahrung gesammelt. Vielleicht rührt genau aus dieser Zeit meine Vorliebe für großformatige Arbeiten. Im Laufe der Jahre habe ich mir als Grafiker einen Namen erarbeitet, der immer noch klingt – obwohl ich seit zehn Jahren in Pension bin.

Meinen Arbeiten wurde häufig eine besondere künstlerische Qualität zugeschrieben und diese kreative Ader ist mit der Zeit nicht verblasst, sondern hat sich weiterentwickelt: Heute arbeite ich verstärkt als freischaffender Künstler und setze meine gestalterische Erfahrung in neuen Ausdrucksformen um. Ein in Erinnerung bleibender Höhepunkt meiner künstlerischen Laufbahn war die große Ausstellung zu meinem 70. Geburtstag in der Alpen-Adria-Galerie – eine Werkschau, die einen Rückblick auf mein Schaffen als Grafikdesigner und Künstler präsentierte und in deren Rahmen mir auch das Ehrenzeichen des Landes Kärnten überreicht wurde.

Zu den Highlights meines Berufslebens zählen aber auch die wertvollen Begegnungen mit Menschen mit geistigen und körperlichen Beeinträchtigungen, vor allem durch meine Tätigkeit bei der Diakonie. Diese Erfahrungen waren – und sind – eine große Bereicherung. In der Zusammenarbeit habe ich eine Form von Authentizität erlebt, die man in der Kunst oft sucht: unverfälschte Ausdruckskraft, unmittelbare Freude und eine Offenheit, die inspiriert. Diese Eindrücke begleiten mich bis heute in meinem künstlerischen Schaffen.

2.) Neben Ihrer eigentlichen Profession als Grafiker haben Sie sich, wie erwähnt, zunehmend auch der freien Kunst verschrieben. Was hat diesen künstlerischen Weg eröffnet und wie würden Sie Ihre künstlerische Handschrift beschreiben?
Der entscheidende Impuls für meinen Weg in die Kunst kam 2016 von Ing. Dieter Resei, der mich aufgrund meiner kreativen Ader dem Leiter des Robert-Musil-Museums empfahl. Aus dieser Begegnung entstand die Installation „Ingeborg Bachmann – das neunzigste Jahr“, die große Aufmerksamkeit erregte. Im Zentrum stand ein markantes rund drei Meter großes Porträt der Künstlerin, zusammengesetzt aus zahlreichen Einzelteilen. Die in Schwarz gehaltene Darstellung war auf weißen Stelen montiert, die auf einem Holzuntergrund befestigt wurden und so eine besondere räumliche Tiefe erzeugten. Es folgte eine Ausstellung zum Thema „Ingeborg hat ein Ei gelegt“ anlässlich der Tage der deutschsprachigen Literatur. In dieser Zeit lernte ich auch Dompfarrer Dr. Peter Allmaier kennen – ein glücklicher Zufall, denn damals träumte ich davon, eine Installation im Dom zu realisieren. Im Gespräch erwähnte er, dass er jedes Jahr drei Künstlerinnen bzw. Künstler einlädt, Entwürfe einzureichen – und dass seine Wahl für dieses Jahr eigentlich schon gefallen sei. Doch wenn ich ihm innerhalb einer Woche einen überzeugenden Vorschlag liefern könne, würde er ihn prüfen. Und was soll ich sagen: Als er meinen Entwurf sah, war er begeistert. Die Installation löste ein enormes Echo aus – es reisten sogar Busse aus der Steiermark an, um sie zu besichtigen. Diese Erfahrungen haben meine künstlerische Handschrift wesentlich geprägt.

Durch meinen beruflichen Hintergrund habe ich ein umfassendes Verständnis für Materialien und Techniken entwickelt, das klassische Kunstausbildungen in dieser Form nicht vermitteln. Dazu arbeite ich stets strukturiert, präzise und kann auf ein starkes Netzwerk an spezialisierten Handwerkern zurückgreifen. Übernehme ich einen Auftrag, wird er nach meinen hohen Qualitätsansprüchen umgesetzt. Wenn eine Arbeit, wie etwa das drei Meter große Jesuskind in der Christkönig-Kirche in Krumpendorf, zu einem bestimmten Zeitpunkt installiert sein soll, dann ist sie es auch. Nachfragen sind nicht nötig, ich liefere immer. Punkt.

Aktuell richtet sich mein künstlerischer Fokus verstärkt auf das Thema „Nest“. In meinen Zeichnungen setze ich mich naturgetreu damit auseinander – ganz bewusst nicht abstrakt. Jedes Werk erhält einen spezifischen Eyecatcher, der einen inhaltlichen Bezug zum Titel des Kunstwerks herstellt und dem Bild seinen eigenen Charakter verleiht. Der Bildtitel ist in der Kunst sozusagen meine Headline – kurz, klar, und im besten Fall ein kleiner Köder für die Neugier. Aus dieser Verbindung von Idee, Detailtreue und erzählerischem Moment entsteht für mich der besondere Reiz. Am schönsten ist der Augenblick, in dem ein Werk genau so gelingt, wie ich es mir zuvor vorgestellt habe. Dann schließt sich der Kreis: Konzept, Umsetzung, Ergebnis. Und genau dieser kreative Weg ist es, um den es mir im Grunde immer geht.

3.) Wenn Sie die heutige Grafik  und Kunstszene mit früher vergleichen: Welche Entwicklungen fallen Ihnen besonders auf, was hat sich aus Ihrer Sicht grundlegend verändert und welche Vorbilder oder künstlerischen Einflüsse haben Sie auf diesem Weg begleitet?
Als ich mich im Jahre 1973 als Grafiker selbstständig machte, war die Welt noch überschaubar: In ganz Kärnten gab es neben mir gerade einmal drei weitere Berufskollegen und wir kannten uns alle persönlich. Die Vorstellungen der Kunden waren damals sehr oft festgefahren – das Logo links oben, die Schrift in Helvetica… selbstverständlich linksbündig. Alternativ begegnete man mir mit einer Haltung, die man heute kaum mehr findet: „Sie sind der Experte – entweder gefällt mir das Ergebnis oder nicht.“ Meine Vorgehensweise war damals wie heute immer gleich: Ideen aus dem Kopf aufs Papier – und irgendwann, als die Technik soweit war, auch in den Computer.

Heute ist das anders. Viele bringen bereits eine ganze Sammlung an Eindrücken und Lieblingsbeispielen aus dem Internet mit. Das ist spannend, aber im Grafikdesign bleibt eines entscheidend: Ein Ergebnis muss wirklich neu, eigenständig, innovativ und vor allem rechtlich schützbar sein. Im direkten Gespräch merkt man sehr schnell, welche Ideen Potenzial haben und wie man sie gemeinsam weiterentwickeln kann. Doch unabhängig davon, wie viele Beispiele jemand mitbringt oder wie konkret die Vorstellungen sind – der Moment, in dem eine Idee tatsächlich Form annimmt, folgt seinen ganz eigenen Regeln.

Wenn ich eine Kampagne oder ein Logo konzipiere, tauchen die Ideen oft scheinbar aus dem Nichts auf. Woher sie genau kommen, lässt sich schwer sagen – sie finden mich eher, als dass ich sie suche. Vieles, das ich nur am Rande wahrnehme, wird erst mit zeitlichem Abstand zur Inspirationsquelle. Mein eidetisches Auge hilft mir dabei natürlich (Anm. d. Red.: bezeichnet die Fähigkeit, visuelle Eindrücke in hoher Detailgenauigkeit abzuspeichern und über längere Zeiträume hinweg abzurufen).

Ein prägendes berufliches Vorbild war für mich der Villacher Grafiker Wolfgang Mörth, dessen Plakate mich immer wieder beeindruckten. Aus gegenseitiger Wertschätzung entstand im Laufe der Jahre eine persönliche Freundschaft. Zeitschriften haben mich ebenfalls stark geprägt, vor allem die „Gebrauchsgraphik“ bzw. später „novum“. Die „Jahrbücher der Werbung“ aus Deutschland waren eine weitere Inspirationsquelle, genauso wie die legendären Kampagnen der SIXT Autovermietung. Heute fehlt mir leider allzu häufig eine authentische Bildsprache – und Headlines, die mit einem feinen Witz überzeugen.

Die örtliche Kunstszene würde ich als eher schwierig bezeichnen. Vieles dreht sich um persönliche Kontakte und Beziehungen, manchmal mehr als um die Kunst selbst, die eigentlich im Mittelpunkt stehen sollte. Kunstwerke müssen für mich einen gewissen Anspruch an Kreativität und handwerklicher Ausführung erfüllen. Und: Es sind derzeit weniger echte „Typen“ mit Elan, Energie und Haltung unterwegs – Menschen, die etwas riskieren, etwas wagen, etwas bewegen wollen.

4.) Welche Rolle spielt die Landeshauptstadt in Ihrem Leben und Schaffen und gibt es einen Ort in Klagenfurt, an dem Sie besonders gerne sind?
Als kleiner Junge sind wir einmal zum Circus Krone nach Klagenfurt gefahren und ich war sofort hin und weg. Die Lichter der Stadt, das ganze Ambiente, dieses Gefühl von „hier passiert etwas“ hat mich regelrecht in den Bann gezogen. Der Wunsch, eines Tages nach Klagenfurt zu ziehen, war damit früh geweckt und am Ende hat es mich tatsächlich in die Landeshauptstadt verschlagen.

Als ich seinerzeit von Graz nach Klagenfurt kam, fand kurz darauf die „Woche der Begegnung“ statt – das war für mich schlicht überwältigend. Ich war komplett geflasht, Gänsehaut inklusive. In dieser Zeit kam mir die Idee, die mietbaren Vitrinen in der Kramergasse und am Alten Platz während der Woche der Begegnung Künstlerinnen und Künstlern zur Verfügung zu stellen. Die Resonanz war enorm – zeitweise bildeten sich richtige Menschentrauben vor den Vitrinen. Hinter der Woche der Begegnung standen damals einige unglaublich engagierte Persönlichkeiten, etwa Burgis Paier. Ohne solche Menschen wäre das Projekt wohl nie so aufgeblüht. Heute fehlt Initiativen manchmal die nötige Substanz – und gute Ideen bleiben allzu oft an irgendwelchen Behördenvorschriften hängen.

Abgesehen von meiner Heimstätte, meiner kreativen Oase in der Bahnhofstraße, habe ich keinen „Lieblingsplatz“ in Klagenfurt. Ich empfinde die Stadt insgesamt als sehr lebenswert, man kann sich hier fast überall wohlfühlen. Besonders jetzt im Frühling, wenn alles zu grünen beginnt und die Stadt dieses leichte, heitere Lebensgefühl bekommt, spürt man, warum Klagenfurt für viele – und auch für mich – ein Ort ist, an dem man gerne bleibt.

5. Wenn Sie Ihrem jüngeren Ich einen Rat geben könnten: Welcher wäre das?
Bleib so, wie du bist – immer authentisch und dir selbst treu.


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