5 Fragen an... Mag. Ernst Sandriesser

Direktor der Caritas Kärnten

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FC: Caritas Kärnten

1. Sie leiten die Caritas Kärnten in einer Phase wachsender sozialer Spannungen, zunehmender Ungleichheit und spürbarer gesellschaftlicher Polarisierung. Welche Entwicklungen bereiten Ihnen derzeit am meisten Sorge – und woran erkennen Sie in Ihrer täglichen Arbeit konkret, dass sich die sozialen Bruchlinien in Kärnten weiter vertiefen? Gibt es bestimmte Gruppen, Problemlagen oder Situationen, an denen sich diese Veränderungen besonders deutlich zeigen und was bedeutet das langfristig für den sozialen Zusammenhalt in Kärnten?
Wir beobachten eine paradoxe Situation: Eine sehr reiche Gesellschaft mit einer enorm hohen sozialen Absicherung, einem hervorragenden Gesundheitssystem, einer intakten Natur mit hohem Grad an Eigenversorgung bei Lebensmitteln – und ich könnte die Reihe der Superlative noch weiter fortsetzen – erstarrt seit Jahren in Angst vor zwei Dingen: dass der Wohlstand nach 50 Jahren Wachstum nun sein Limit erreicht haben könnte (“die fetten Jahre“) und dass der Erhalt dieses Wohlstandes in den nächsten Jahren den temporären Verzicht auf bestimmte Leistungen bedeuten würde („die mageren Jahre“). 

Statt diesem grundvernünftigen Prinzip zu folgen, erfinden wir immer mehr vermeintliche Sündenböcke, nur damit wir uns nicht ändern müssen. Die Angst vor dem „etwas weniger von dem Vielen“ führt zur paradoxen Situation, dass wir nun den Ärmsten auch noch das Wenige nehmen wollen, was sie zum Leben brauchen (Sozialhilfereform) und jede Mitverantwortung für die Probleme von uns weisen („Warum ich?“). 

Aus Rücksicht auf unsere Kinder und Enkelkinder müssten wir den Gürtel etwas enger schnallen. Das war über viele Generationen nie ein Problem, wenn ich z.B. an die Generation meiner Großeltern (Jahrgang 1909) denke. Diesen gesellschaftlichen Bruch müssen wir selbst heilen. Da können wir uns auch nicht auf die EU, die Migration oder Ähnliches herausreden. Gleichzeitig kenne ich sehr viele Menschen, die meine Sicht teilen und solidarisch sind und sich für ein Miteinander der Generationen, der Nationen und der Religionen einsetzen. Eine Gesellschaft lebt nicht von Ich-AGs, sondern von Menschen, die auch für andere mehr tun, als sie tun müssten.

2. Kulturelle Teilhabe ist oft eines der ersten Dinge, die Menschen in Armut verlieren. Die Caritas arbeitet deshalb immer wieder mit Künstlerinnen, Kulturinitiativen und Schulen zusammen, um soziale Themen sichtbar zu machen und neue Räume der Begegnung zu öffnen. Welche Rolle spielen Kunst und Kultur in Ihrer Arbeit – und wie kann kulturelle Teilhabe Menschen stärken, die von Armut oder Ausgrenzung betroffen sind?
Aktuell denke ich an eine Kooperation mit dem Carinthischen Sommer. Aus den Festivalfahnen des Vorjahres haben Projektmitarbeiter Taschen genäht, welche an die diesjährigen Besucher verteilt wurden. Wir sind froh, dass Kultureinrichtungen wie das Stadttheater Klagenfurt immer wieder Karten zur Verfügung stellen. Und mit den SchülerInnen unserer Lerncafés besuchen wir immer wieder Theatervorführungen inklusive eines Blickes hinter die Kulissen, was für viele Kinder ein unvergessliches Erlebnis ist. In der täglichen Arbeit in unseren Pflegewohnhäusern spielt ein anderes Kulturgut eine wichtige Rolle: Das Singen von Liedern in Gemeinschaft aus der Kindheit weckt positive Erinnerungen und gibt viel Lebensfreude am Lebensabend.

3. Sie haben wiederholt darauf hingewiesen, dass die sozialen Hilfesysteme in Kärnten an der Grenze ihrer Belastbarkeit stehen. Angesichts begrenzter finanzieller und personeller Ressourcen: Nach welchen Kriterien entscheiden Sie, welche bestehenden Angebote ausgebaut, reduziert oder neu geschaffen werden und welche Rolle spielen dabei die Erfahrungen aus den Beratungsstellen? Wie gewichten Sie langfristige Prävention gegenüber der kurzfristigen Linderung akuter Notlagen, wenn beides gleichzeitig notwendig wäre?
Wenn Akutlagen und existenzielle Nöte zunehmen, steht die Notlinderung im Vordergrund. In den letzten fünf Jahren blieb die Prävention auf der Strecke, weil eine Krise die nächste ablöste. Da rede ich nicht von weniger Rücklagen auf dem Sparbuch, sondern von leeren Kühlschränken und eiskalten Wohnungen im Winter. 

Wir entscheiden nach einem einfachen ethischen Grundprinzip: Überleben hat Vorrang vor besser leben. Die meisten Menschen in Kärnten haben Gott sei Dank noch keine existentiellen Einschränkungen. Und wenn mir Menschen auf der Straße sagen: „Ich spende nichts, denn mir hat die Caritas noch nie geholfen“, dann frage ich zurück: „Wollen sie tauschen?“. Die 6000 Personen in Kärnten, die jährlich zu uns kommen, haben zu wenig zum Leben – obwohl viele von ihnen arbeiten, aber so wenig verdienen, dass sie mit dem Einkommen nicht auskommen. Übrigens: Ein Drittel der Betroffenen sind Kinder!

4. Ehrenamtliches Engagement verändert sich rasant: Menschen wollen helfen, aber oft zeitlich begrenzt, projektbezogen oder digital. Wie reagiert die Caritas auf diesen Wandel – und was braucht es strukturell, damit Freiwilligenarbeit auch unter diesen neuen Bedingungen verlässlich bleibt? Warum ist es aus Ihrer Sicht gerade jetzt wichtig, dass möglichst viele Menschen die Caritas unterstützen?
Jährlich engagieren sich ca. 700 Freiwillige für die Caritas in Kärnten. Die meisten dauerhaft und regelmäßig in den Lerncafés, der Alltags- und Besuchsbegleitung, der Telefonseelsorge, dem mobilen Hospizdienst uvm. Auch Menschen mit einer Behinderung wollen sich freiwillig engagieren und der Gesellschaft etwas zurückgeben. Darauf sind wir sehr stolz, dass es uns gelungen ist, diesen Personen eine Engagement-Möglichkeit anbieten zu können. Für Kurzzeitengagement haben wir die Plattform www.füreinand.at, die auch punktuelle Einsätze anbietet. 

Was mich sehr nachdenklich stimmt, ist der Umstand, dass es für Freiwilligenarbeit im sozialen Bereich nicht dieselben Unterstützungsmöglichkeiten gibt wie für Blaulichtorganisationen. Dabei retten sie genauso Leben und begleiten Menschen bis zum Lebensende. Hier braucht es mehr Bewusstsein in Gesellschaft und Politik. 

5. Ihre Arbeit bringt Begegnungen mit Menschen in sehr unterschiedlichen Lebenslagen mit sich. Gibt es einen Moment, ein Gespräch oder eine kleine Geste, die Ihnen in letzter Zeit noch einmal bewusst gemacht hat, wie wichtig es ist, dass die Caritas ihren Auftrag Tag für Tag verlässlich erfüllt?
Gestern Abend habe ich 13 Personen ein Zertifikat überreicht. Sie haben in einem Projekt der Caritas eine Einzelhandelsausbildung im SPAR-Markt der Caritas in der Feldkirchner Straße in Klagenfurt und eine Gastro-Ausbildung im Magdas Lokal am Stauderplatz absolviert. Gebürtig kommen sie aus der Ukraine, Afghanistan und dem Iran. Manche konnten nicht lesen und jetzt haben sie mit Fleiß und Ausdauer einen Arbeitsplatz, von dem sie leben können und das in Branchen, in denen wir in Kärnten dringend Fachkräfte suchen. „Danke der Caritas, dass ich eine Chance bekommen habe“, bedankte sich eine Absolventin bei mir. Ohne diese Menschen würde der Handel, die Gastronomie und die Pflege stillstehen. Geben wir diesen Menschen eine Perspektive – sie werden sie nutzen. Wir tun es und sehen jeden Tag den Erfolg. Geht nicht, gib‘s nicht!

www.caritas-kaernten.at