5 Fragen an... Oliver Welter
1. Nach zwölf Jahren kehrt Naked Lunch auf die Bühne zurück – eine Zeit, in der sich nicht nur die Welt, sondern auch das eigene Leben und der Blick auf die Kunst verändert haben. Wie hat dieser Abstand Ihre künstlerische Perspektive geprägt und wie würden Sie Ihre letzte Studioproduktion beschreiben, in der sich erneut Euphorie und Melancholie begegnen? Was war der ausschlaggebende Punkt, der Ihnen signalisiert hat, dass jetzt der richtige Zeitpunkt ist, um mit Naked Lunch ein neues Kapitel aufzuschlagen?
In 12 Menschenjahren passiert einfach sehr viel. Gutes, wie weniger Gutes, um es sehr simpel auszudrücken. Und da meine Lieder sich oft reflexiv mit meinem ganz persönlich Erlebten auseinandersetzen, ist diese Konfrontation mit meiner unmittelbaren Vergangenheit, wie auch der Geschehnisse, die sich rund um mich abspielen – sowohl im Kleinen, wie auch in der großen Weltpolitik, im ganz Großen – ein immer wiederkehrendes zentrales Thema für mich. Auch auf „Lights and a slight taste of death“. Der ausschlaggebende Punkt für das konkrete Machen der neuen Platte waren die immer wieder und vermehrt auftauchenden Wünsche von Fans und Hörer:innen nach einem neuen Naked Lunch Album.
2. Ihre Musik besitzt für viele Menschen eine besondere emotionale Tiefe – und auch das aktuelle Album bildet dabei keine Ausnahme. Wenn Sie einen Song schreiben: Wie entfaltet sich dieser kreative Prozess bei Ihnen? Beginnt er mit einem Gefühl, einem Bild, einem Klang oder vielleicht sogar mit einem einzelnen Wort? Welche Schritte beziehungsweise Arbeitsweisen prägen diesen Weg vom ersten intuitiven Einfall bis zur fertigen Komposition?
Das ist in der Tat sehr unterschiedlich. Ich habe noch keine mir brauchbare Methodik im Songwriting gefunden. Das eine ist es, wirklich hart am Songwriting zu arbeiten, oder besser, es in einer gewohnten Regelmäßigkeit einfach tun. Im Grunde aber ist es so, wie John Lennon einst die Frage von niemand Geringerem als David Bowie beantwortet hat, wie er, also Lennon, denn Songs schreiben würde: „Ich habe ein Thema im Kopf, dann setze ich mich ans Piano oder an die Gitarre und schreibe ein Lied“. Was hier sehr einfach klingt ist im schlimmsten Fall aber oftmals eine mühevolle, langwierige Arbeit. Andersrum kommt in völlig verschiedenen Alltagssituationen öfters eine Textzeile, eine Überschrift, oder eine Melodie quasi „zu mir“. Unerwartet und überraschend. Woher und warum, das weiß ich nicht.
3. Sie betreten die Bühne nicht nur als Musiker, sondern auch als Schauspieler. Was fasziniert Sie an dieser zweiten künstlerischen Ebene besonders – und welche Erfahrungen oder Möglichkeiten eröffnet Ihnen das Schauspiel, die Sie in der Musik vielleicht nicht in derselben Form finden?
Stehe ich auf der Bühne, um meine Lieder zu singen und zu interpretieren (in welcher Form auch immer), dann bin ich zu 100% ich selbst. Beim Schauspiel tritt man aus sich heraus und agiert als zweites Ich, oder besser: als andere Person. Das macht mir in der Tat auch sehr viel Spaß. Da ich im Bereich Schauspiel keinerlei Ambitionen, noch Erwartungen habe, kann ich mich völlig angstbefreit in eine solche Aufgabe begeben. I simply love it.
4. Ihre Kindheit und Jugend haben Sie in Klagenfurt verbracht, wo Sie schließlich auch maturierten. Wie sehr hat dieser Ort – seine Stimmung, seine Landschaft, seine sozialen und kulturellen Dynamiken – Sie als Mensch und Musiker geprägt, und welche Rolle spielt Klagenfurt heute noch in Ihrem kreativen Kosmos?
Klagenfurt/Kärnten, meine Herkunft also, hat mich, wie könnte es auch anders sein, sehr geprägt. Ich bin ein weiteres Opfer dieser Kärntner Melancholie. Und dafür auch sehr dankbar. Von allem anderen möchte ich hier und jetzt Abstand nehmen. Heute spielt Klagenfurt/Kärnten überhaupt keine Rolle mehr für mich.
5. Mit Blick auf die kommenden Jahre stellt sich die Frage, welche künstlerischen Felder oder Ausdrucksformen Sie künftig besonders reizen – ob innerhalb der Musik, im Bereich der Performance oder in anderen kreativen Disziplinen. Gibt es Vorhaben, die Sie seit Langem beschäftigen, die aber bislang keinen Raum gefunden haben und vielleicht demnächst in Reichweite rücken?
Ich habe wenig Konkretes im Sinn in naher oder ferner Zukunft und bin für alles offen. Mit Sicherheit wird es in diesem Herbst noch ein Oliver Welter-Soloalbum geben. Ich singe dabei, nur mit Gitarre unterstützt, über Gott und die Welt. Und das – Obacht! – auf Kärntnerisch. Vielleicht eine moderne Übersetzung des klassischen Kärntnerliedes, oder auch völlig anders. Dieses Projekt hat für mich in den nächsten Monaten absolute Priorität. Alles Weitere wird sich weisen.
