5 Fragen an... Lena Schätte
1. Klagenfurt verwandelt sich während der Tage der deutschsprachigen Literatur in das Epizentrum der Gegenwartsliteratur. Wie haben Sie die Stadt in dieser Zeit erlebt – als inspirierenden Resonanzraum für Ihre Worte in einem emotionalen Spannungsfeld oder eher als eine Arena, in der man sich dem Urteil der Kritik schutzlos ausgeliefert fühlt? Welche Eindrücke werden Sie ein Leben lang begleiten?
Die Zeit in Klagenfurt war für mich die Gleichzeitigkeit ganz vieler Dinge: die angespannten Momente im Hotel, vor der Klimaanlage hockend und wartend, dass es losgeht. Raus auf den See zu schwimmen, Freibadpommes. Der magische Moment, wenn alle einem Text lauschen, es draußen im Garten des Fernsehstudios ganz ruhig wird, alle rhythmisch umblättern. Viele Gespräche im Dazwischen. Menschen, die versuchen, mich in meiner Nervosität zu beruhigen, indem sie mir nette Dinge zuflüstern: „Du schaffst das, du siehst gut aus, das wird super“ – und ich flüstere zurück. Oder wir reden einfach über etwas Alltägliches. Diese wunderbare Stille während des Lesens im Studio, wenn der Text diesen großen Raum bekommt. Bis hin zur Heimfahrt: zehn Stunden aus dem Fenster starren und nicht glauben können, was da alles in den letzten Tagen passiert ist.
2. In Klagenfurt wurde ihr Text unter dem Mikroskop der Jury öffentlich seziert. Wie verändert es den Blick auf den eigenen Text, wenn er plötzlich so intensiv vor Publikum verhandelt wird? Nimmt man ein anderes Bewusstsein für das eigene Schreiben mit nach Hause, oder kehrt man nach dem Trubel einfach an den Schreibtisch zurück und macht genau da weiter, wo man aufgehört hat?
Ich bin mit Rückenwind nach Hause gefahren und konnte mich sehr frei direkt wieder an die Arbeit setzen. Mein Schreiben findet an einem sehr intuitiven, emotionalen Fleck statt, an den Stimmen von außen glücklicherweise nicht hineinsickern. In den Momenten zwischen dem Schreiben dann schon eher. Ich glaube aber, dass die Erfahrung da sehr unterschiedlich sein kann und dass das ja auch die Fallhöhe ausmacht, mit der man teilnimmt.
3. Jede literarische Reise beginnt im Stillen. Woher kam bei Ihnen ganz am Anfang das Bedürfnis, Worte aufs Papier zu bringen? Gibt es einen bestimmten Schmerz, eine offene Frage oder eine Erinnerung aus Ihrem Leben, die bis heute ein heimlicher Treibstoff für all Ihre Geschichten ist und wie würden Sie grundlegend Ihren Schreibstil charakterisieren?
Ich habe im Grundschulalter mit dem Schreiben angefangen und früh gemerkt, dass es etwas Stärkendes, Selbstermächtigendes hat, weil es einem die Gelegenheit gibt, unapologetisch das letzte Wort zu haben, Dinge in einen Sinn zu setzen, die im Leben vielleicht sinnlos scheinen, und alles in eine neue Ordnung zu rücken. Heute fasziniert mich Literatur besonders als Empathieleistung – dass es uns die Gelegenheit gibt, in Lebensrealitäten hineinzuschauen, die wir sonst nur von außen betrachten.
4. Welche Bedeutung hat es für Sie, wenn aus dem privaten Prozess des Schreibens ein öffentlicher Erfolg wird – wenn das Feedback positiv ist und Sie spüren, dass Ihre Texte bei Ihrer Leserschaft einen bleibenden Eindruck hinterlassen? Wie verändert dieser öffentliche Erfolg Ihr Selbstverständnis als Schriftstellerin – beeinflusst er, wie Sie künftig an neue Texte herangehen?
Der Arbeitsmodus ist ein völlig anderer. Ich war es viele Jahre gewohnt, Vollzeit im Schichtdienst als Krankenpflegerin zu arbeiten, nur in kleinen Zwischenräumen zu schreiben. Nun ist dafür mehr Raum und Zeit da. Der Schreibprozess selbst hat sich aber nicht verändert – nur die Deadlines sind ernster und nicht mehr selbst ausgedacht.
5. Ein starker Einstieg entscheidet oft über das Schicksal eines Textes. Wenn Sie Ihr eigenes Leben in ein literarisches Werk gießen müssten – wie würden die ersten beiden Sätze lauten?
Der Beginn meines Lebens wäre wahrscheinlich kein Buch, sondern eher ein Hörspiel auf einer Kassette oder ein Gespräch am Küchentisch. Wo jemand tief Luft holt, ausholt, zu einer Geschichte, die in jede Richtung gehen könnte.
