5 Fragen an... Dr.in techn. Sigrid Prinz

Operative, organisatorische und künstlerische Leitung Architektur Haus Kärnten

sigrid_prinz_architektur_haus_kaernten

FC: Helga Rader

1.     Mit Anfang Jänner 2025 haben Sie die operative, organisatorische und künstlerische Leitung des Architektur Haus Kärnten übernommen. Mit welchen Erwartungen haben Sie sich der Aufgabe gestellt, wie haben Sie sich eingelebt und was sind Ihre Vorhaben für die Zukunft, insbesondere unter Berücksichtigung möglicher Synergien mit Graz durch die Koralmbahn?
Seit Beginn meiner Tätigkeit im Architektur Haus Kärnten Anfang 2025 gehe ich die Aufgabe mit Engagement und einer offenen Haltung an. Mir ist wichtig, bestehende Strukturen nicht einfach fortzuführen, sondern diese zunächst kritisch zu hinterfragen und zu evaluieren, um darauf aufbauend das Haus gezielt weiterzuentwickeln. Die Zusammenarbeit mit den Mitarbeiter:innen, dem Vorstand und den lokalen Partner:innen empfinde ich als äußerst konstruktiv und produktiv.

Die Koralmbahn bietet eine wertvolle Gelegenheit, die Verbindung zu Graz zu stärken und dadurch sowohl inhaltliche als auch organisatorische Synergien zu schaffen. Gleichzeitig suchen wir unabhängig von infrastrukturellen Veränderungen kontinuierlich nach Kooperationsmöglichkeiten, um das Architektur Haus Kärnten als bedeutende Institution nicht nur in der Region, sondern auch darüber hinaus – etwa im Alpe-Adria-Raum – weiter zu etablieren.

Mein Ansinnen ist es, das Haus als lebendige Plattform für architektonische, künstlerische und kulturelle Diskurse und Vermittlung zu positionieren – fest in der Region verankert, dabei stets offen für regionale und globale Tendenzen, ohne kurzfristigen Trends oder Modeerscheinungen zu folgen.  

2.     Sie kommen aus einer Handwerkerfamilie und es war für Sie wichtig, einen Beruf zu erlernen. Danach stand jedoch die Bildung im Vordergrund, bis zum Doktorat der technischen Wissenschaften in Architektur an der Akademie der Bildenden Künste Wien. Für Sie gehören Theorie und Praxis untrennbar zusammen… wie wesentlich ist diese Dualität in der Architektur und was waren die größten Herausforderungen - eventuell anhand eines konkreten Beispiels - denen Sie sich bei Projekten stellen mussten? 
Mein handwerklicher Hintergrund prägt mich. Das praktische Arbeiten – mit den Händen [be-]arbeiten, das [be-]greifen – ist für mich essenziell, auf dem alles Weitere aufbauen kann. Sogar meine Diplomarbeit habe ich bewusst vollständig von Hand erarbeitet – handschriftlich mit Bleistift verfasst, ohne digitale Werkzeuge und Darstellungsformen. Texte, Zeichnungen und Darstellungen sind damals ausschließlich analog entstanden.

Es war kein theoretisches Traktat und kein ambitionierter architektonischer Entwurf, sondern vielmehr eine schriftliche Form des »Vor-, Nach-, Über- und Weiter-, Denkens«, die gerade in dieser Unmittelbarkeit ihren Wert erhielt – und zugleich verdeutlichte, dass auch Sprache nicht bloß ein Werkzeug ist, sondern sowohl ein lebendiger Organismus als auch ein Raum sein kann, in dem sich Erleben und Denken entfalten können.

Durch die wissenschaftliche Arbeit, die ich später an der Akademie der Bildenden Künste intensivieren konnte, war es mir vor allem möglich, mein theoretisches Wissen zu vertiefen und kontinuierlich weiter zulernen.

Im Rahmen meiner bisherigen beruflichen und wissenschaftlichen Tätigkeiten war es stets mein Anliegen, disziplin- und methodenübergreifende Ansätze zu verfolgen. Dabei betrachte ich die Bereiche Kunst, Architektur[-theorie], [Bau-]Kultur sowie Landschafts- und Raumplanung als eng miteinander verwobene Wissenskulturen, die ganzheitlich und im gegenseitigen Austausch zu analysieren, zu verbinden und zu verstehen sind – ebenso wie Theorie und Praxis.

3.     Sie sagen über sich selbst: „Geboren 1988 und seither lernend.“. Was hat es mit dieser Lebenseinstellung auf sich und welche positiven und negativen Charaktereigenschaften würden Sie grundlegend Ihr Eigen nennen? 
Geboren 1988 und seither lernend‘ beschreibt für mich die Haltung, das Leben als einen offenen Prozess zu begreifen. Ich versuche, sämtliche Erfahrungen als Möglichkeit zu verstehen, mich [weiter-]zu entwickeln. Neugier und die Bereitschaft, zuzuhören und dazu zu lernen, sind mir wichtig, stets offen für neue Erfahrungen und andere Perspektiven zu sein und vor allem zu bleiben, das Gewohnte und tradierte stets zu hinterfragen – im Beruf, aber auch im Alltag. Ich bin überzeugt, dass man nie fertig ist mit dem Lernen, weil jede Begegnung und jede Aufgabe die Perspektive erweitern sollte. 

Dieses stete Lernen betrifft nicht nur das bereits erlernte, sondern auch gelerntes zu verlernen. Das betrifft den Umgang mit Menschen, Situationen und einem selbst – es ist ein Prozess, der meines Erachtens immerwährend ist, da nie abgeschlossen. In diesem stetigen Fließen sind feste Charaktereigenschaften wie Momentaufnahmen – diese verändern sich, wandeln sich, bleiben hoffentlich niemals starr.  

4.     In Ihrem Mindset rund um die Studienzeit war die Architektur - Ihren Worten zufolge - Ihr ganzer Lebensinhalt. Was fasziniert Sie an der Materie, wie würden Sie mit Ihren Worten das Feld der Architektur beschreiben und gibt es in Klagenfurt ein Bauwerk oder eine architektonische Entwicklung, die Sie besonders fasziniert?   
Architektur hat mich von Anfang an deshalb fasziniert, weil diese eine Vielzahl von Schnittstellen besitzt: viele Ebenen berührt: Sie ist technisch, künstlerisch, kulturell, sinnlich, gesellschaftlich und politisch zugleich. Historie, Kultur, Technik, Bildende Kunst, Neue Medien, Grafik. Architektur ist alles – sie betrifft unser Leben in jedem Moment, weil sie [Landschafts-]Räume erzeugen, [ver-]formen und die [Um-]Welt prägen kann, in denen nicht nur Menschen, sondern ebenso Fauna und Flora existieren. Aber nicht alles ist Architektur – erst die Haltung, das Wissen, die Verantwortung UND den Ausformungen, mit der wir Räume gestalten, machen sie dazu. Bauen ist somit auch eine kulturelle Aufgabe und [Mit-]Verantwortung von größter Tragweite – denn alles, was der Mensch gegenwärtig produziert, ist künftig kulturelles Erbe. Diese Dualität und Ambivalenz empfinde ich als faszinierend und beschäftigt mich bis heute.

Frei nach Ludwig Wittgenstein: »Die Arbeit in der Philosophie ist – wie vielfach die Arbeit in der Architektur – eigentlich mehr die Arbeit an einem selbst. An der eigenen Auffassung. Daran, wie man die Dinge sieht.«

5.     Vor Ihrer Tätigkeit im Architektur Haus Kärnten hatten Sie mit Kärnten wenig Berührungspunkte… wie ist mittlerweile Ihr Eindruck von dem Land, den Leuten und der Lebensphilosophie in der südlichsten Landeshauptstadt Österreichs? 
Als ich meine Tätigkeit im Architektur Haus Kärnten aufgenommen habe, hatte ich tatsächlich noch wenig Bezug zu Kärnten. In den vergangenen Monaten stand für mich zunächst der Aufbau neuer Strukturen im Haus im Vordergrund – ein äußerst intensiver Prozess, der mir bisher kaum Gelegenheit gelassen hat, Stadt, Land und Region[en] in Ruhe zu entdecken.

Vor kurzem war es mir jedoch im Rahmen einer Juryreise möglich das Bundesland durchqueren, und das war ein prägendes Erlebnis. Mich hat dabei beispielsweise nicht nur die Vielfalt der Landschaft[en] beeindruckt, sondern auch, wie stark sich die Veränderungen durch den Borkenkäfer in manchen Regionen ins Bild eingeschrieben haben. Solche Eindrücke lassen sich nicht nur spüren, sondern machen sichtbar, dass Landschaft nicht nur Kulisse ist – sie ist Teil des Alltags, des Selbstverständnisses und prägt die Haltung der Menschen zu ihrem Umfeld.

Ich wünsche mir, dass künftig etwas Zeit bleibt, diese Zusammenhänge – zwischen [Landschafts-]Raum, Menschen und Lebensart – intensiver zu erleben. Es wird sicher noch eine Weile dauern, bis ich Kärnten wirklich aus dieser Nähe erfahren kann, aber alles hat seine Zeit.

Architektur Haus Kärnten >>>